Die Senckenberg Tagebcher

Geschichten vom Eigennutz

Im Jahr 1763 grün­det Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg sei­ne Stif­tung. Es fällt auf, dass er al­les da­für tut, die­se vor der Aus­beu­tung durch frem­de In­ter­es­sen zu schüt­zen, so dass sie tat­säch­lich dem Ge­mein­wohl die­nen kann. Der nun­mehr 56-Jäh­ri­ge er­lebt Kor­rup­ti­on und man­geln­de Got­tes­lie­be übe­rall in der Stadt. Sei­en es die Re­for­mier­ten, die ad­li­ge Nach­ba­rin und Gat­tin ei­nes Rats­herrn oder die Apo­the­ker, sie al­le ver­such­ten mit Lug und Trug sich ei­nen Vor­teil zu er­sch­lei­chen.

Der Rö­mer­berg 1754 – Mit­tel­punkt ei­ner in den Au­gen Sen­cken­bergs ver­kom­me­nen Stadt­ge­sell­schaft
 

In­halts­ver­zeich­nis

  • 1763
    Frei­tag, der 1.4.1763
    Die schel­mi­schen Re­li­gio­nen

    Den Kon­f­likt zwi­schen den Re­for­mier­ten und den Lu­the­ra­nern kom­men­tiert Sen­cken­berg im­mer wie­der. Da­bei sieht er die Re­for­mier­ten äu­ßerst skep­tisch und hält wohl de­ren Re­li­gi­on le­dig­lich für ei­nen Vor­wand die­ser über­wie­gend aus be­gü­ter­ten Kauf­leu­ten be­ste­hen­den Grup­pe, mehr Ein­fluss in der Stadt zu er­lan­gen. Es ge­he um die ‚Re­gi­on‘ und nicht um die ‚Re­li­gi­on‘.
    An die­sem Tag be­rich­tet er vom ver­geb­li­chen Ver­such der Re­for­mier­ten, die ge­öff­ne­ten To­re der Stadt wäh­rend der lau­fen­den Mes­se zu nut­zen, um sich dau­er­haft in der Stadt an­zu­sie­deln. Doch dar­aus wird nichts, was Sen­cken­berg zu freu­en scheint. Trotz of­fen­sicht­li­cher Be­s­te­chungs­ver­su­che müs­sen die Re­for­mier­ten so­fort wie­der nach Bo­cken­heim. Ei­gent­lich hat­ten sie er­rei­chen woll­ten, we­nigs­tens bis zum Frie­dens­fest in acht Ta­gen in der Stadt blei­ben zu dür­fen. Nun dür­fen sie nicht ein­mal wäh­rend der Dau­er der Mes­se im Stadt­ge­biet blei­ben.
    Die Ur­sa­che sieht Sen­cken­berg in der feh­len­den wah­ren Got­tes­lie­be. So sei die Tren­nung der Re­li­gio­nen vor al­lem durch de­ren Pfar­rer ge­schürt. Vol­ler ge­gen­sei­ti­gem Mis­s­trau­en be­an­spru­che je­der für sich die ein­zig le­giti­me Ver­eh­rung Got­tes.

    “Herr Bre­quet von Ha­nau, Re­det da­von daß Re­for­ma­ti wie­der hin­aus nach Bo­cken­heim müs­sen, und daß man nicht ein­mahl ih­nen 8 Ta­ge län­ger er­lau­ben wol­len oder die Mes­se über hier zu seyn. Es thun es die Pfar­rer ha­ben co­lo­rem te­ne­bram (dunk­le Far­be) nicht oh­ne ur­sach, sie sei­en schwarz und es ist wahr, dass der Grund für die Tren­nung der Re­li­gio­nen da­rin be­ste­he, dass die Pas­to­ren je­der Re­li­gi­on un­te­r­ein­an­der die Tren­nung schür­ten. Es traut kein Schelm den an­dern. Es geht nicht um die Ver­eh­rung Got­tes und die Re­li­gi­on, son­dern um die "Re­gi­on" un­ter die­sem Na­men. Re­for­ma­ti kön­nen es bey kei­ner Ge­le­gen­heit ber­gen daß sie auf das Frie­dens­fest ab­kün­di­gen müs­sen daß sie in 8 ta­gen nach Bo­cken­heim sol­len. Aber sie wa­ren mit dem von ih­nen ge­won­ne­nen Äl­ter­nen Bür­ger­meis­ter Moors selbst schuld da­ran. Sie woll­ten auf das frie­dens­fest tri­um­phi­ren und auf den fol­gen­den Palm­sonn­tag Sie­ges­fah­nen wie ein Se­gel tra­gen da das mit Geld und Rän­cken ge­such­te aber fehl­schlug, är­ger­te es sie schröck­lich.“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Die Re­for­mier­ten und die Selbst­lie­be

    Und auch hier spiel­te der bei Sen­cken­berg oh­ne­hin nicht hoch an­ge­se­he­ne Rat der Stadt ei­ne un­rühm­li­che Rol­le. Of­fen­sicht­lich sei­en un­lau­te­re ‚Um­trie­be‘ zwi­schen den Re­for­mier­ten und dem Rat an Kai­ser und Reich ge­schei­tert, der ih­nen nun end­gül­tig den Platz vor den To­ren der Stadt, in Bo­cken­heim, zu­wies. Wor­über die be­trof­fe­nen nicht er­f­reut wa­ren.

    „Re­for­ma­ti ha­ben durch al­ler­lei Um­trie­be die man hier im Rath um geld be­güns­tigt, da sie aus gna­den erst­lich hier auf­ge­nom­men wor­den end­lich lis­tig ein Recht ver­zie­hen und da ih­nen Kai­ser und Reich na­he vor dem thor ei­ne Kir­che as­sig­niert. Ich sa­ge es durch ei­nen neu­en Je­sui­ten st­reich und Schen­kung (oder Be­s­te­chung) im Rat wol­len zur Kir­che inn­er­halb der Stadt­mau­ern durch den Fuchs­pelz, da das Löw­en­fell dies nicht ver­moch­te wol­len er­sch­näp­pen die Lu­the­ra­ner über den gäns­dreck füh­ren. Ist aber nicht ge­lun­gen, sind über die Bür­ger wild. Ver­schla­ge­ne und treu­lo­se Men­schen, die si­cher, wenn sie könn­ten, die Lu­the­ra­ner mit Fü­ß­en tre­ten wür­den. Aber die­se den­cken: Es ist kei­nem schel­men zu trau­en und das hembd ist näh­er als ein Rock. Die Lie­be fängt bei mir selbst an, wie je­ner ge­sagt hat.“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Die gott­lo­se Frau von Wie­sen­hü­then

    Sen­cken­berg hat­te of­fen­bar ei­ne pro­mi­nen­te und von ihm we­nig ge­lieb­te Nach­ba­rin: die Wit­we von Wie­sen­hüt­ten, ver­mut­lich aus der Fa­mi­lie des Ban­kiers Jo­hann Fried­rich Wie­sen­hü­ter von Wie­sen­hüt­ten (1687-1742). Er wur­de 1728 für sich und sei­ne Nach­kom­men in den Reich­sa­dels­stand er­ho­ben. Statt Sport und gu­ter Er­näh­rung pf­legt die Wit­we al­ler­lei Un­tu­gen­den, vor al­lem den sch­lech­ten Le­bens­wan­del und die Gott­lo­sig­keit, Ur­sa­che fürs Krank­hei­ten und ei­ne gro­ße in­ne­re Un­ru­he.

    „Die Wit­we Frau von Wie­sen­hü­then will nicht im­mer un­ru­hig und mit Gott un­ei­nig, hoch­mü­tig, gei­zig und hab­gie­rig, vi­el­leicht die Tor­heit des Adels weiß nicht um den wah­ren Wert der Din­ge, uns­tet im Ir­di­schen, nicht was sie will, in kei­ner Sa­che Ru­he und den­noch wen­det sie sich nicht an Gott, dass sie in ihm Ru­he fin­den könn­te, in dem al­lein die­se ge­fun­den wer­den könn­te. Im ho­hen Al­ter fürch­tet sie den Tod und die ir­di­schen Schät­ze zu­rück­zu­las­sen in Ehr­sucht Hab­gier Lust. Die Ar­thri­tis kommt ihr zu den Fü­ß­en zu­rück mit Glück. di­cke füs­se. wer­den sie noch di­cker, wird auch der ha­e­mor­r­ho­i­da­li­sche Sch­merz weg­ge­hen. Sie will ge­sund sein, und den­noch nicht ih­ren Kör­per be­we­gen, nicht Was­ser trin­ken. Sie trinkt zu ih­rem Nach­teil Wein. Sie isst Ku­chen auf den Fey­er­tag mor­gen etc und klagt doch stets über en­gen ver­stopf­ten Un­ter­leib. Man­na wird die Fei­er­ta­ge aus dem Un­ter­leib aus­put­zen, nach­dem die Fei­er­ta­ge vor­bei sind. Ar­thri­tis im Kopf, Brust, Un­ter­leib, Zit­tern der Bei­ne, da ists wie­der nicht recht. dann soll das Al­ter und al­les weg seyn was ih­re gna­den in­com­mo­diert. Aber der gnä­d­i­ge Herr im him­mel der al­lein gnä­d­ig und gna­de aust­heilt wird nicht ge­sucht, daß er gna­de und Ru­he ge­be.“

  • 1763
    Frei­tag, der 1.4.1763
    Ein Kelch für den hochad­li­gen Mund

    Trotz ih­rer Gott­lo­sig­keit macht sich auch der Pas­tor Burck zum Kom­p­li­zen der rei­chen und ad­li­gen Nach­ba­rin Frau von Wie­sen­hü­then. Bes­ser sie er­hiel­te die Kom­mu­ni­on mit ih­rem ei­ge­nen Kelch, da aus sei­nem auch der Pö­p­el trin­ken wür­de, was sich für sie nicht schi­cke.

    „Die Wit­we Frau von Wie­sen­hü­then, vom zwei­ten Klis­tier ges­tern er­leich­tert. Jetzt ist der Krampf im Kopf, in den Ge­len­ken va­giert. Com­mu­ni­cier­te heu­te Char­f­rey­tag aus den Hän­den des Pa­s­tors Burck. Sie hat in ei­nem fut­te­ral ih­ren ei­ge­nen Kelch zur Haus Com­mu­ni­on, den ihr Pfar­rer Burck an­zu­schaf­fen ge­ra­then, weil aus sei­nem, den er hat, al­ler­lei leu­te, kran­cke etc. vi­el­leicht auch Pöb­el volck das sich vor den Hocha­de­li­che Mund nicht schickt mit dann aus ei­nem Kelch zu trin­cken und so macht sich dann der Hoch­mut ei­nen ad­li­gen Kelch. trin­cken. Sagt mir dies, sie lacht, daß sie vor­ges­tern, vor­ges­tern den abend voll dreck war, ge­meint sie ster­be, Jst heu­te gut, in vol­lem staat, schwartz zu com­mu­ni­cie­ren.“

  • 1763
    Frei­tag, der 1.4.1763
    Cu­rie­ren bis zum Tod

    Schwind­süch­tig und von der Gicht ge­plagt wur­de der Fürst­lich Ro­ten­bur­gi­sche Jä­ger sch­ließ­lich Op­fer ei­nes hab­gie­ri­gen Apo­the­kers und ver­starb.

    „Herr Apo­the­ker Ett­ling den Fürst­lich Ro­ten­bur­gi­schen Jä­ger, schwind­süch­tig, der ohn­längst an eben dem tag starb, alß der land­graf nach Ro­ten­burg von hier ab­rei­se­te, hat der frant­zö­si­sche chir­ur­gus de la Bo­ry auch ge­lie­fert und da es al­so mit der Cur der Schwind­sucht nichts mehr war wol­le nun po­da­gram cu­rie­ren und treibt es in den leib hin­ein, alß ein Spitz­bu­be und Mör­der, um Geld zu ha­ben“

  • 1763
    Frei­tag, der 1.4.1763
    Sch­lech­te Pa­ti­en­ten

    Auch sei­ne Pa­ti­en­ten ma­chen es dem Phy­si­cus Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg nicht leicht. Zwar be­han­delt er ihr Kind oh­ne Be­ach­tung ih­res sch­lech­ten Ru­fes, doch füh­ren Ver­feh­lun­gen, die er nur an­deu­tet, da­zu, dass er nicht mehr ihr Arzt sein will.

    „Herr Fromm­hold von der En­ge­l­a­po­the­ke schick­te zu mir ein Kind ha­be Krämp­fe
    ich ha­be ih­nen als leu­ten so kein gu­te re­nom­mee ha­ben er als Spie­ler, sie als Hu­re der Frantzo­sen; die sor­ge vor ihr haus ab­ge­schla­gen, fal­lier­ten her­nach und jetzt will ich we­ni­ger ihr Me­di­cus seyn“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Be­trü­ge­ri­sche Sc­höf­fen und ein un­ech­ter Me­di­cus

    Gleich dop­pelt un­red­lich scheint Sen­cken­berg der aus der Schweiz ge­kom­me­ne Jun­cker Schep­pe­lin, der beim eben­falls äu­ßerst zwei­fel­haf­ten Krä­m­er Diel in der Ha­sen­gas­se un­ter­ge­kom­men sei. Der be­reits häu­fig als Schar­la­tan ver­jag­te Schep­pe­lin gab sich wohl auch in Frank­furt als Arzt oder Apo­the­ker aus. Zu Sen­cken­bergs gro­ßem Ver­druss ge­noss er da­bei den Schutz der von ihm be­sto­che­nen of­fi­zi­el­len Stel­len. Im­mer wie­der op­fern die Spitz­bu­ben aus dem Rö­mer die Bür­ger für ih­ren Ei­gen­nutz.

    „Mah­ler Jun­cker se­nior schep­pe­lin der bey Krä­m­er Diel in der Ha­sen­gas­se wohnt ein Schweit­zer von Ba­sel ein Mah­ler der von Ba­sel weg­ge­jagt wor­den. sei­ne toch­ter ei­ne Hu­re Er und Diel ‚Geich und Gleich ge­sellt sich gern‘. Kam nach Darm­stadt alß La­bo­r­ant, der land­graf mach­te ihn zu sei­nem leib me­di­co etc. bald aber war es nichts und. kam hier­her mahlt und giebt Artz­ney­en aus oh­ne Zwei­fel la­bo­riert ‚be­ar­bei­tet‘ res ‚Un­ter­neh­men‘ und könn­te das hauß an ste­cken soll­te Haus­si­che­rung ge­stoh­len und der ofen ein­ge­schla­gen wer­den. Und die Sc­höf­fen Uf­fen­bach und Moors lie­ßen sich um­sonst von ihm mah­len, ga­ben von quar­tal zu quar­tal ihm Schutz, scha­det in­des­sen Me­di­cis und Mah­le­ren an der Nah­rung. so sa­cri­fi­cie­ren die Rö­mer Spitz­bu­ben um ih­ren Ei­gen­nutz bey al­ler ge­le­gen­heit ih­re Bür­ger.“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Die bö­sen Kreut­zer

    Mit dem Ban­kier Jo­hann Phi­lipp Beth­mann, ei­nem Pa­ti­en­ten des Frank­fur­ter Stadt­phy­si­cus Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg (Tho­mas Bau­er, Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg, Frank­furt 2007, S. 81), sin­niert er über die Sch­lech­tig­keit der Men­schen. Beth­mann wird wohl be­schul­digt, il­le­ga­le Geld­ge­schäf­te zu be­t­rei­ben und ge­gen Vor­schrif­ten zu ver­sto­ßen. Da­zu Sen­cken­berg: Beth­mann ha­be den Na­men daß sie bös Geld ein­füh­ren und da­her rei­chen wer­den, Münt­zen ver­se­hen mit Gold und Sil­ber und Kup­fer. Doch Beth­mann sieht sich als Op­fer der ei­gent­li­chen Spitz­bu­ben.

    „Herr Beth­mann se­nior fängt an von dem brieff der Dr. Plitt (ver­mut­lich Jo­hann Ja­cob Plitt, ev.-lu­the­ri­scher Pfar­rer) in das hauß ge­schickt wor­den mit Auf­schrift mit 6 Du­ca­ten be­schwert. wa­ren 6 sor­ten bö­se Xer (Kreut­zer) so hier ei­ne Schuld de­cken.
    Der Rat, sagt je­ner (Beth­mann), ha­be sie ver­bo­ten. Jst aber nicht an­ge­schla­gen, und nur Spitz­bu­ben bey gro­sen Her­ren und Kauf­leu­te thun den be­trug.
    Je­ner: gro­se Herrn sey­en die grös­te be­trü­ger.
    Ich (Sen­cken­berg): Ich woll­te sol­che Spitz­bu­ben und beu­tel­schnei­der hi­en­gen al­le am Gal­gen. Wie hier, der Rat konn­te nach den Ge­set­zen des Rei­ches aus ei­ge­ner Macht, sie pro­bie­ren und gleich an­schla­gen nach dem wah­ren werth und auch nach der Sachla­ge ver­ru­fen.
    Je­ner: ich ma­che Hass bey den Nach­barn. Müs­se ein Crayß schluß (wohl den Er­lass ei­ner Kreis­be­hör­de) da­zu sein.
    Ich: wir kön­nen es vor uns thun, nicht küm­mern um den Hass der Men­schen und den Hass Got­tes zu ver­mei­den su­chen Man muß Gott mehr ge­hor­chen alß den Men­schen aber die­se wol­len nicht ih­ren un­ge­rech­ten Ge­winn ver­ab­säu­men aus Lie­be zum Geld und aus Hoch­mut. Irr­we­ge wer­den ge­liebt da­mit es ge­ge­ben wird zu sün­di­gen. Sie wis­sen nicht, dass die größ­te Sün­de des Men­schen ist sch­lecht zu sein, von Gott ent­fernt zu sein und das Ewi­ge nicht zu schät­zen. Oh wenn sie doch ih­ren gött­li­chen Ur­sprung ver­eh­ren wür­den die Weis­heit und Tu­gend aus Gott über al­les zu pf­le­gen sie wür­den nie­mals auf­hö­ren.“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Ein Un­ge­heu­er von Pfaf­fen er­dacht

    Ei­ne Schlüs­sel­rol­le bei der Recht­fer­ti­gung des Ei­gen­nut­zes als von Gott ge­bil­ligt spie­len für Sen­cken­berg die un­red­li­chen Pas­to­ren, die sich al­lei­ne als Über­brin­ger von Got­tes Wort und des­sen De­fini­ti­on von Gut und Bö­se se­hen, ob­wohl der doch von ganz al­lei­ne in al­len Men­schen sei.

    „Wie der Narr sagt: Wann ich satt bin soll die gant­ze welt satt seyn. oder der schult­heis: Wenn ichs nur hab! aus dem törich­ten Wort ‚Je­der vor sich, Gott vor uns al­le!‘ Als wenn nicht Gott in uns sein und le­ben und herr­schen müss­te aber das wol­len die Pfaf­fen nicht, Gott soll durch sie als sei­ne am­bas­sa­de­urs al­les thun, wie sie sich falsch und zu Un­recht be­zeich­nen, nicht zum Men­schen in das Herz kom­men, son­dern durch das Wort der Pas­to­ren und des Buch­dru­ckers und durch Ze­re­mo­ni­en im "Tem­pel" vor Kir­chen Göt­zen, sie ken­nen nur die­ses to­te Göt­zen­bild, nicht den le­ben­di­gen Gott, wahr­haft ein Un­ge­heu­er, das von den Pas­to­ren er­dacht wur­de. Da­her sind auch al­le Pas­to­ren und Zu­hö­rer tot oh­ne den Geist Got­tes oh­ne das Le­ben aus Gott oh­ne Krafft und safft, oh­ne licht und le­ben. ein gott­lo­ses Pries­ter­tum, oh­ne Gott und ge­fähr­li­ch“

  • 1763
    Sams­tag, der 2.4.1763
    Der ver­kom­me­ne Phy­si­cus

    Kei­ne Aus­nah­me von der all­ge­mei­nen Ver­kom­men­heit mach­ten in Sen­cken­bergs Au­gen auch man­che Ärz­te. So hat ihm Apo­the­ker Salz­we­del von ei­nem be­rich­tet, der die ein­fachs­ten Din­ge nicht wuss­te, wi­der der ärzt­li­chen Vor­bild­funk­ti­on al­ler­lei Las­tern frön­te und sch­ließ­lich am da­mals oh­ne An­ti­bio­ti­ka hoch­ge­fähr­li­chen Schar­lach ver­starb.

    „Herr Salz­we­del: Dr. Tho­mas Phy­si­cus se­lig sa­he ein­mahl bey Jhm Lac­tis Sac­charum (Milch­zu­cker) ste­hen und frag­te daß sich apo­thek. Saltz­we­del selbst schäm­te: Ob man dann aus der Milch würckl. ei­nen Zu­cker ma­chen kön­ne? je­ner wuß­te das schänd­li­cher­wei­se nicht!
    Wur­de doch Phy­si­cus, lieb­te Spie­len, wein sau­fen, er­hitz­te sich mor­gens mit cor­porum vi­si­ta­tio­ne, sof­fe und spiel­te un­mä­ß­ig mit sei­nen schwä­gern, war bald am Pur­pur­fie­ber (Schar­lach) des todts.
    An Un­mäs­sig­keit starb der Arzt, der doch ein "Dok­tor", An­lei­ter und An­ra­ter zur Mäs­sig­keit sein müss­te.“