Die Senckenberg Tagebücher

Die Transkriptionen

55 Ta­ge­bücher und Tau­sen­de wei­te­rer No­tiz­blät­ter, ge­sam­melt in ei­ni­gen hun­dert Map­pen - es ist ein Schatz von ganz be­son­de­rem Wert, den Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg sei­ner Nach­welt, al­so auch uns hin­ter­las­sen hat. Nur ganz für sich al­lei­ne hat er über vie­le Jahr­zehn­te sei­ne Ge­dan­ken zum Ta­ges­ge­sche­hen in Frank­furt, zu Er­eig­nis­sen in der Welt und zu ei­ge­nen Er­leb­nis­sen, die ihm be­deu­tend er­schie­nen, fest­ge­hal­ten. Er woll­te da­mit nie­man­den be­ein­dru­cken, nichts be­wir­ken und auch nichts für spä­te­re His­to­ri­ker-Ge­ne­ra­tio­nen do­ku­men­tie­ren, er hat sich sch­licht sei­ne Ge­dan­ken von der See­le ge­schrie­ben, un­ver­fälscht und so, wie es ihm ge­ra­de in den Sinn kam.

Wir wis­sen nicht, warum er sein Le­ben so um­fang­reich schrift­lich fest­ge­hal­ten hat. Vi­el­leicht wa­ren die Ta­ge­bücher sei­ne Me­tho­de, sich gleich­sam „mit Gott und der Wel­t“ au­s­ein­an­der­zu­set­zen; sie wä­ren al­so so et­was wie aus­u­fern­de Selbst­ge­spräche. Dies wür­de auch die schein­bar we­nig sys­te­ma­ti­sche und sprung­haf­te Form und in ei­ner Spra­che, die ein Ge­misch aus dem da­ma­li­gen Deutsch, sei­nem Frank­fur­te­risch, Latein, Fran­zö­sisch und Grie­chisch dar­s­tellt, er­klä­ren. Auch hat er sich bei der Les­bar­keit er­kenn­bar we­nig Mühe ge­ge­ben und sei­ner "Sau­klaue", in oft win­zi­ger Schrift mit noch win­zi­ge­ren Rand­be­mer­kun­gen, mit vie­len Ab­kür­zun­gen, Sym­bo­len aus Al­che­mie oder Phar­ma­zie, … frei­en Lauf ge­las­sen. So ist es ihm vor­sätz­lich oder ver­se­hent­lich ge­lun­gen, sei­ne Ge­dan­ken vor der nach­kom­men­den Welt zu ver­ber­gen. Bis heu­te konn­te nie­mand die Auf­zeich­nun­gen ent­zif­fern.

Je mehr wir aber mitt­ler­wei­le über Sen­cken­bergs Le­bens­ge­schich­te und sein Werk in Er­fah­rung ge­bracht ha­ben, des­to kla­rer wur­de die Ein­sicht, dass die­se Ta­ge­bücher von ei­nem ganz be­son­de­ren Wert sein könn­ten:
Frank­furt (und die Welt) in der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts aus der Sicht ei­nes ge­bil­de­ten, auf­ge­klär­ten und kri­ti­schen Bür­gers, das gab es bis­her nicht, und der­ar­ti­ge Do­ku­men­te von Zeit­zeu­gen sind auch welt­weit ei­ne Ra­ri­tät. Al­so set­zen die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung, die Stif­tung Po­ly­tech­ni­sche Ge­sell­schaft, die Ge­mein­nüt­zi­ge Her­tie-Stif­tung und die Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek, die sei­nen Na­men trägt (Pro­jekt­lei­tung: Dr. An­ge­la Hau­sin­ger und Dr. Ma­thias Jehn), al­les da­ran, die Tex­te al­len Frank­fur­tern (und durch die Prä­sen­ta­ti­on im In­ter­net auch der „Welt drum her­um“) zu­gäng­lich zu ma­chen. Mit Dr. Ve­ro­ni­ka Mar­schall und Ve­ra Faßhau­er M.A.wur­den zwei Spe­zia­lis­tin­nen ge­fun­den, die in der La­ge sind, die Ta­ge­bücher zu ent­zif­fern. Seit nun­mehr ein­ein­halb Jah­ren ist die "Über­set­zung" in vol­lem Gan­ge und zu­ta­ge kom­men klei­ne und gro­ße Schät­ze aus ei­nem be­son­de­ren Jahr­hun­dert in ei­ner be­son­de­ren Stadt.

Es war das Zei­tal­ter der Auf­klär­ung, der Be­ginn ei­ner neu­en Zeit, ei­ne Zeit der neu­en Ide­en auf al­len Ge­bie­ten: Staats­theo­re­ti­ker wie John Lo­cke rä­so­nier­ten über das Le­ben des Ein­zel­nen in der Ge­mein­schaft, Im­ma­nu­el Kant re­vo­lu­tio­nier­te die deut­sche Phi­lo­so­phie. Es war die Zeit von Ton­künst­lern wie Jo­hann Se­bas­ti­an Bach und Jo­seph Haydn.
Und Sen­cken­berg selbst, an al­lem in­ter­es­siert und übe­r­aus be­le­sen, setzt sich in den Ta­ge­büchern mit die­sen Ide­en au­s­ein­an­der, mit Theo­lo­gie, Phi­lo­so­phie, Na­tur­wis­sen­schaf­ten, Me­di­zin, Li­te­ra­tur,… In sei­nen Auf­zeich­nun­gen fin­den Gott­fried Wil­helm Leib­niz und Chris­ti­an Wolff eben­so Er­wäh­nung wie Vol­tai­re und Rous­seau, doch no­tiert er vor al­lem auch mi­nu­zi­ös die gro­ßen und klei­nen Er­eig­nis­se sei­ner Epo­che: Fried­rich II. (den Scn­cken­berg schon als „mag­nus“ ver­ehrt) spielt eben­so ei­ne Rol­le wie Kai­se­rin Ma­ria The­re­sia oder die Za­rin Katha­ri­na; gleich­zei­tig hält er de­tail­liert (und oft ge­nug übe­r­aus kri­tisch) das All­tags­ge­sche­hen in Frank­furt mit spit­zer Fe­der fest. Es sind Auf­zeich­nun­gen ei­nes Zeit­ge­nos­sen, die in ih­rer Au­then­ti­zi­tät ein un­schätz­ba­res Do­ku­ment dar­s­tel­len und uns un­mit­tel­bar am Ge­sche­hen ei­ner ver­gan­ge­nen Epo­che teil­ha­ben las­sen.

Mit­ten hin­ein in die­se Zeit des grund­sätz­li­chen Um­bruchs wur­de Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg in der Ha­sen­gas­se in der Nähe des Eschers­hei­mer Tors ge­bo­ren, mit­ten in Frank­furt: Er ist eben­so ein be­son­de­rer Sohn ei­ner be­son­de­ren Stadt wie Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, der ihm spä­ter in „Dich­tung und Wahr­heit“ ein klei­nes Denk­mal setzt.

Las­sen Sie uns nun al­so ein­tau­chen in Sen­cken­bergs Welt, sei­ne Ge­dan­ken und sei­ne Ur­tei­le über die­se gro­ße Zeit mit all ih­ren All­täg­lich­kei­ten.

Mehr über die Ta­ge­bücher
 

In­halts­ver­zeich­nis

  • 1730
    1.5.1730
    Pe­rü­cke in Not

    Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg be­gann sei­ne Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen im Al­ter von 23 Jah­ren, als er sein Me­di­zin­stu­di­um auf­nahm. Er stu­dier­te erst­mals und end­lich nach sie­ben Jah­ren War­te­zeit ab 1730 in Hal­le/Saa­le an der noch jun­gen und nicht zu­letzt durch die dort wir­ken­den Theo­lo­gen und Me­di­zi­ner Wel­truhm ge­nie­ßen­den Uni­ver­si­tät. In­ter­es­san­te De­tails hin­sicht­lich sei­ner dor­ti­gen me­di­zi­ni­schen Aus­bil­dung liest man am bes­ten bei Tho­mas Bau­er „Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg, ei­ne Frank­fur­ter Bio­gra­fie“, Frank­furt am Main 2007, S. 48 ff.

    Sen­cken­berg über­schrieb die­se sei­ne ers­ten Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen in Hal­le mit „Ob­ser­va­tio­nes phy­si­cae et me­di­cae in me ip­so fac­tae Ha­lae 1730 Ma­jo.“ - es han­delt sich al­so um Be­o­b­ach­tun­gen, die er an sich selbst ge­macht hat­te, und das Pri­vi­leg des al­le­r­ers­ten Ein­trags be­kam kein ge­rin­ge­rer Ge­gen­stand als sein Haar­teil. Der Stu­dent mach­te sich Sor­gen: Be­dingt durch die elf Ta­ge dau­ern­de Rei­se von Frank­furt nach Hal­le im Mo­nat zu­vor konn­te er sei­ne Lo­cken­pe­rü­cke nicht pu­dern: [Zi­tat Sen­cken­berg:] „Da in vo­ri­gem Mo­nat auff der Rei­se nach Hal­le mein Haar ei­ne Wei­le nicht pou­der­te, mus­te se­hen daß es gantz fett, von dem Sa­le vo­la­ti­li ole­o­so […] war, und da­her das Pap­pier, alß es in Wei­mar auf­wi­ckel­te, gar bald cor­ro­dir­te“ und ver­bin­det dies so­fort mit ei­ner aus­führ­li­chen Er­klär­ung auf Latein, der da­ma­li­gen Spra­che der Wis­sen­schaft.

    Und man muss hier schon Sorg­falt wal­ten las­sen: „An­sons­ten zer­fres­sen die­se parti­cu­lae den bindfa­den, den man zu de­nen haa­ren brau­chet in nicht gar lan­ger Zeit, daß er mür­be wird, v. alß im fär­ben an­ge­brann­te Sei­de od. lei­nen Zeug zer­ris­sen wer­den kan.“ Aus die­sem Grun­de be­nö­t­i­ge man den Pu­der, wel­cher al­ler­dings re­gel­mä­ß­ig aus­ge­kämmt wer­den müs­se: „Sol­cher parti­cu­larum ex­c­re­men­t­i­tiarum hal­ber ist der poud­re auf­ge­kom­men, der es im­bi­bi­ren v. dar­auf zu Zei­ten ab­ge­kämmt wer­den soll, sons­ten macht es, so es sich häufft in ca­pi­te ob­s­ti­na­tio­nem po­r­orum.“ Und dann folgt noch ei­ne wei­te­re „Ob­ser­va­ti­o“ am Sei­ten­rand: „Der Schweiß macht an Mes­sin­ge­nen haar­käm­men, durch an­fas­sen Grün­s­pahn. Der ab­ge­kämm­te poud­re ist gantz ole­o­sus et aqua non sol­vi­tur [ist ganz ölig und wird durch Was­ser nicht ge­löst].“

    Üb­ri­gens: Sen­cken­berg hat Zeit sei­nes Le­bens sehr viel Wert auf sei­ne Pe­rü­cke ge­legt, wie noch Goe­the in „Dich­tung und Wahr­heit“(Ers­ter Teil, Zwei­tes Buch) ver­mel­det: „Er war im­mer sehr nett ge­k­lei­det, und man sah ihn nie an­ders auf der Stra­ße als in Schuh und Strümp­fen und ei­ner wohl­ge­pu­der­ten Lo­cken­pe­rü­cke, den Hut un­term Arm.“

  • 1730
    1.5.1730
    Von jun­gem Bier und sal­zi­gem Was­ser

    Der zwei­te Ein­trag galt sei­nem per­sön­li­chen Wohl­be­fin­den und dem sei­ner neu­en Um­ge­bung: "Bey dem bier­trin­cken in Hal­le be­fin­de mich gut, in­dem ich nicht so viel alß ge­wöhn­lich zu Hau­se da­bey es­se." Dies sei um­so wich­ti­ger, als in Hal­le mehr Bier ge­trun­ken wür­de als an­dern­orts. Und zwar, so Sen­cken­berg, „so­wohl we­gen des von de­nen Hal­len [ge­meint sind wohl die Sa­li­nen] auf­s­tei­gen­den, v. al­le abend (item bey Re­gen­wet­ter, ge­wit­ter etc.) da die lufft di­cke v. kalt wird, son­der­lich aber mor­gends [da sie die va­po­res lithan­thra­cum die Nacht über bey­sam­men ge­hal­ten,] deut­lich alß ein sul­fu­ri­sches We­sen zu ver­spüh­r­en­den Stein­koh­len­dampff, alß auch we­gen des al­da übe­rall salt­zi­gen Was­sers mehr od. we­ni­ger, wel­ches (ob) man am Thee deut­lich am Cof­fee aber nicht al­so spüh­ren kan.“ (lR) Zu thee v. Cof­fé neh­men vie­le leu­te das Saal­was­ser.

    Den­noch ver­spür­te er von der hal­li­schen Luft kei­ne Un­päss­lich­kei­ten, denn die Stein­koh­len tun hier­zu­lan­de ein we­ni­ges, sieht man doch die „Hal­l­orum“ sehr oft zu ei­nem ho­hen Al­ter kom­men, was vom Koh­len­dampf wohl vor der Zeit auf­ge­rie­ben wä­re. Auch sei die pht­hi­sis (ver­mut­lich Tu­ber­ku­lo­se) nicht dem Stein­koh­len­dampf zu­zu­sch­rei­ben, be­rich­tet ihm der Arzt Dr. We­bel, der na­he bei den Hal­len wohnt und die­se Krank­heit oft zu ku­rie­ren hat. Wei­ter ent­fernt wür­den mehr Men­schen da­ran ster­ben als mit­ten in den Hal­len oder di­rekt da­ne­ben. Ins­ge­s­amt sei­en die Hal­len­ser sehr ge­sun­de Leu­te, auch wenn sie Frost und Hit­ze, Was­ser und Feu­er au­f­ein­an­der er­fah­ren und aus­hal­ten müss­ten.
    Be­mer­kens­wert er­schi­en dem jun­gen Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg hier auch das sal­zi­ge Was­ser, wel­ches man deut­lich beim Tee, we­ni­ger aber beim „Cof­fee“ sch­me­cken kön­ne.
    Aus die­sem Grund hält sich Sen­cken­berg beim Was­ser­trin­ken zu­rück, will dies aber nach­ho­len, wenn er in den Ge­nuss des ge­sun­den und rei­nen berg­qu­el­li­gen Was­sers im Wai­sen­haus [ge­meint sind die Fran­cke­schen Stif­tun­gen] in Hal­le kommt. Be­ein­druckt be­rich­tet er, dass die Lei­tun­gen die­ses „ein­zi­gen rei­nen Brun­nens in Hal­le“ vie­le 1000 Reichs­ta­ler ge­kos­tet hät­ten. „di­ßes Was­ser auß dem wai­sen­haus setzt nicht den ge­rings­ten Wein­stein an den Kes­sel im Ko­chen an, ob­schon vier und mehr wo­chen da­rin ge­kocht wor­den ist. „Es ist ein sehr wei­ches was­ser v. di­ent sehr wohl zum thee ma­chen etc. ist aber wie das Frank­furt­her Röhr-was­ser.“

    Ins­ge­s­amt sei das Was­ser in Hal­le je­doch bes­ser als in Je­na, wo selbst der Wein ei­nen „häu­fi­gen ro­hen“ Kalk­stein bei sich füh­re. "In Je­na setzt das Was­ser, so man es in ei­nem Ge­schirr nur ein paar­mal nach­ein­an­der kocht, gleich ei­nen gar di­cken tartarum ad pa­rie­tes [Wein­stein an den Wän­den] an." Al­ler­dings wür­de man das Bier hier­zu­lan­de nicht alt wer­den las­sen und trin­ke es jung weg, "wel­ches dann zu fla­ti­bus und di­ar­r­ho­eis zu­wei­len An­laß gibt."
    Ganz wie die meis­ten Stu­den­ten­ge­ra­tio­nen vor und nach ihm hat Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg das Bier­stu­di­um mit Ei­fer be­trie­ben. "Un­ter al­len Bie­ren hat mir das Lö­b­i­gü­ner Bier sehr wohl ge­sch­meckt, in­dem es ei­nen auf der Zun­ge pit­zeln­den Ge­sch­mack hat und über­dies dünn ist und nur bald durch den Leib ge­het.“ Es wird aus sc­hö­nem Stein­fels-Was­ser ge­braut. Mer­se­bur­ger ist dick und braun und hat hin­ter­her ei­nen bran­di­gen oder re­si­no­sen Ge­sch­mack, als ob es et­was vom Pech des Fas­ses auf­neh­me oder ob beim Brau­en Tan­nen­s­pros­sen hin­zu­ge­tan wor­den wä­ren.

    Be­son­ders an­ge­tan hat­te es ihm of­fen­sicht­lich die Le­bens­art der Thürin­ger: "Auch hier wer­den Bier­fäs­ser ge­picht. Wie in Sach­sen trinkt man auch hier das Bier jung von Fäs­sern und aus Fla­schen. Wenn ein Thürin­ger kei­ne war­me Stu­be hat und kei­nen Ku­chen zu es­sen, dann ist ihm das nicht recht."

  • 1763
    25.1.1763
    Von der Sch­lech­tig­keit der Rats­her­ren

    All­ge­gen­wär­tig in den Schrif­ten von Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg ist sei­ne Ab­leh­nung der po­li­ti­schen Kas­te in Frank­furt, al­len voran der Rats­her­ren ob ih­rer mi­se­ra­b­len mo­ra­li­schen In­te­gri­tät.
    So ha­be er von Capt. Lieut. An­to­ni, mit dem Sen­cken­berg gut be­kannt war und der mit sei­nen ak­tu­el­len Be­rich­ten häu­fig in den Ta­ge­büchern vor­kommt, ge­hört, der Rat ha­be Her­zen­s­angst ge­habt, als die Kai­ser­li­chen Trup­pen auf dem Weg nach den Nie­der­lan­den durch die Stadt am Main durch­mar­schiert sei­en. „Sie ha­ben wohl ge­glaubt sie blie­ben hier.“

    Die­se Angst sei si­cher das un­ge­heu­er sch­lech­te Ge­wis­sen der bö­sen Rats­her­ren ge­we­sen, die als Neu­jahrs­ge­schenk ih­re Bür­ger quä­len, „aber so der Kay­ser über sie her will, scheis­sen sie bald in die Ho­sen vor Angst, die Hel­den in der Boßh­eit.“
    Sen­cken­bergs Ur­teil über den Se­nat ist ein­deu­tig: „Al­te Rats­her­ren, die obers­ten Sc­höf­fen sind al­le nichts nut­z“ Und er nennt sie beim Na­men, den Stadt­schult­hei­ßen Tex­tor und die Her­ren Schweit­zer, Fichard, Sch­los­ser und Hup­ka. Auf das Be­steu­ern von Spen­dier- und Lieb­ha­be­rei­en an­ge­spro­chen, ha­be Schweit­zer ge­sagt: „Be­ber­le­beb, wenn ihr auf mei­nen Platz kommt, macht ihr es auch so. Als ob die so oben sit­zen al­le­s­amt müs­ten des Teu­fels sein de ju­re.“ Die noch gu­ten Rats­her­ren sei­en nur halb gu­te und stün­den al­le auf dem Sprung eben­so zu wer­den wie die al­ten sind. Es sei aber auch schwie­rig ei­nem Kol­le­gi­um von Bö­sen in vol­ler Kraft Wi­der­stand zu leis­ten, und nicht mit der Zeit von der Mehr­heit be­siegt zu wer­den, die im­mer Bö­se­wich­ter sind, „wenn nicht Gott den Men­schen mit star­kem Geist zum Wi­der­stand und Sieg aus­rüs­tet.“

  • 1763
    25.1.1763
    Tex­tor und Goe­the: Die un­an­stän­di­ge Rei­se nach Mann­heim

    Ein po­li­ti­sches Ge­klün­gel ganz be­son­de­rer Art ver­mu­tet Sen­cken­berg hin­ter ei­ner Rei­se des Ver­t­re­ters der re­for­mier­ten Kir­chen Mans­kopf (ein rei­cher Kauf­mann) mit den bei­den Tex­tor-Töch­tern „Got­hin“ (die Mut­ter von Jo­hann Wolf­gang Goe­the) und „Mel­be­rin“ (die Goe­the als sei­ne warm­her­zi­ge Tan­te be­sch­reibt) nach Mann­heim.

    Seit ver­gan­ge­nem Frei­tag sei­en des Stadt­schult­hei­ßen Tex­tor Töch­ter Got­hin und Mel­be­rin mit Herrn Mans­kopf, ei­nem Re­for­mier­ten, in Mann­heim, um die Oper und die Re­dou­ten zu se­hen. Ganz of­fen­sicht­lich auf Kos­ten der Re­for­mier­ten sei­en sie in Klei­dung, Rei­se, und al­len an­de­ren Kos­ten da­bei frei­ge­hal­ten. Sen­cken­berg ver­mu­tet da­hin­ter das hand­fes­te In­ter­es­se der ver­schie­de­nen re­for­mier­ten Ge­mein­den, inn­er­halb der Stadt­mau­ern der lu­the­risch ge­präg­ten Stadt ih­ren Glau­ben prak­ti­zie­ren zu kön­nen.
    Wir be­fin­den uns hier mit­ten in ei­nem St­reit der Kon­fes­sio­nen, der schon sehr vie­le Jahr­zehn­te, so­gar Jahr­hun­der­te, währ­te, und zu dem auch Sen­cken­berg in sei­nen Ta­ge­buch­ein­trä­gen im­mer wie­der Stel­lung be­zieht (zu­mal er durch sei­ne vie­len Kon­tak­te zu Rat, Kir­che und Bür­ger­schaft stets über ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen auf dem Lau­fen­den war). Sen­cken­bergs Auf­zeich­nun­gen stel­len so­mit auch in die­ser Hin­sicht ei­ne wich­ti­ge Qu­el­le für die da­ma­li­gen Ge­scheh­nis­se in Frank­furt dar - nicht zu­letzt, weil er hier wie bei vie­len an­de­ren No­ti­zen oft Hin­ter­grün­de lie­fert, die er `un­ter der Hand´ er­fah­ren hat und die so­mit nir­gends of­fi­zi­ell ver­zeich­net wa­ren. Da Rat und Geist­lich­keit in Frank­furt den Wunsch der Re­for­mier­ten ab­lehn­ten, wa­ren die­se ge­zwun­gen, ih­re kirch­li­chen Ver­samm­lun­gen in Bo­cken­heim ab­zu­hal­ten. Zu be­ach­ten ist, dass sich das ca. 3 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Bo­cken­heim da­mals au­ßer­halb der Stadt­mau­ern be­fand und zur Graf­schaft Ha­nau ge­hör­te (al­so qua­si im `Aus­land´ lag …). Zu be­den­ken ist auch, dass es sich bei den Re­for­mier­ten zu ei­nem gro­ßen Teil um wohl­ha­ben­de und nam­haf­te Hand­wer­ker- und vor al­lem Kauf­manns­fa­mi­li­en han­del­te, die ei­ne nicht un­er­heb­li­che Kon­kur­renz dar­s­tell­ten. Sen­cken­berg selbst be­rich­tet in sei­nen Ta­ge­buch­ein­trä­gen im­mer wie­der von der Angst, die Re­for­mier­ten könn­ten sich des Stadt­re­gi­ments ber­mäch­ti­gen…

    So heißt es dann in die­sem Ta­ge­buch­ein­trag: „Mans­kopf tut hier­bei vie­les für die Kir­che und die re­for­mier­te Ge­mein­de, so hat er wohl auch bei die­ser Rei­se ei­gen­nüt­zi­ge Ab­sich­ten, al­les aus ple­be­ji­schem Ehr­geiz. Wenn er et­was in die Höhe steigt, weiß er nicht das Maß zu hal­ten. Er ist dann nur sei­ner nicht mäch­tig und sich un­be­kannt im Hoch­muth.“ Von Frau Seel­hof, der Frau des Mo­de­wa­ren­händ­lers im Salz­haus im Rö­mer, er­fuhr Sen­cken­berg wei­te­re Ein­zel­hei­ten, so, dass der Rath Goe­the (Va­ter von Jo­hann Wolf­gang) sei­ne Frau für Ope­ra und re­dou­te nach Mann­heim mit­ge­ge­ben ha­be. „Wenn er noch nicht ge­hörnt ist, so kann er es nun ge­macht wer­den. Ih­re Schwes­ter Mel­be­rin [zur Er­läu­te­rung: Jo­h­an­na Ma­ria geb. Tex­tor, Frau von Adolf Mel­ber, Mut­ter von 11 Kin­dern] ist ei­ne Hu­re, wie be­kannt, und ihr Mann muss al­les von ihr er­lei­den. Dies ist nicht ver­wun­der­lich. Der Vat­ter Tex­tor hat gehurt, die Mut­ter auch. Der Ap­fel fällt nicht weit vom Stamm.“ Sen­cken­berg no­tiert auch das trau­ri­ge En­de der Ge­schich­te: „Mans­kopf kam zu­rück mit den bei­den Tex­tor-Töch­tern am Don­ners­tag, den 27. Ja­nuar 1763, die Frau Mans­kopf war auch mit, sie kam krank zu­rück.“

    Im Üb­ri­gen: Erst auf Grund des „Will­fah­rungs­de­k­rets“ war es den Re­for­mier­ten ab 1787 er­laubt, ih­re Got­tes­di­ens­te in der Stadt zu fei­ern.